So hett dat anfungen
von Heinrich Hase
geb. 27.August 1893 † 2.Februar 1978
Ick bün een Hamburger Jung. 1914 rückte das Infanterie-Regiment Nr. 76 nach dem Westen in den Krieg. Damals diente ich in der Maschinengewehrkompanie und wurde als Richtschütze verwundet. Nach meiner Genesung wurde ich als Facharbeiter zur Kaiserlichen Werft in Wilhelmshaven kommandiert. Im November 1917 versetzte man mich an die gleiche Werft Kiels.
Es war im März 1918, ich weiß das noch wie heute, arbeitete ich in der Feinblechwerkstatt, einer großen Halle, und kam mit einem Tischler Fide Mahnsen ins Gespräch. Er war wie viele seines Handwerks vom Holz auf Blech umgesattelt. Er sagte, wenn der Krieg zu Ende wäre, bekäme er ein Haus dort am Holz und dann wohne er fein „dor buten". Ich hörte auf. Was, ein Haus? „Jo", seggt he, „ick bün in de Genossenschaft und dor hev ick son Gorn vun 1600 Quadratmeter!" „Kann ick denn ook dor hingohn?", war meine Frage. „Ja, selbstverständlich!" Morgen Abend sei Versammlung im Domkrug zu Elmschenhagen, oben im Saal - „den hett Krischan Flenker but". Ich entschloß mich dazu und machte mich auf den Weg. Es mag Mitte März gewesen sein. Als ich den Bahnhof Elmschenhagen verlassen hatte, umgab mich eine winterliche Landschaft. Eine dünne Schneeschicht hüllte alles wie mit einer weißen Decke ein. Der Vollmond stand am klaren Himmel. Tiefe Ruhe ringsum. Mein Weg führte am Friedhof entlang. Mächtige Bäume, finstere Tannen und Cypressen zeichneten sich am Nachthimmel ab. Diese neue Umgebung machte einen angenehmen Eindruck auf mich. Wie schön und friedlich lag alles da. Fremd, neuartig war mir die Gegend, aber irgendwie hatte sie etwas Zusagendes für mich. Ich kam in den Saal. Er war einigermaßen besetzt. Die Stimmung war gedrückt. Man kann es verstehen, es war März 1918: ein hungerndes Volk ringt gegen eine große Übermacht. Und es wurde immer schlimmer. Aber wie hat es standgehalten, dieses Volk! Man muß den Hut abnehmen vor ihm! Den Vorsitz führte ein Ingenieur Wilhelm Hahn von der Germaniawerft. Große Pläne konnte man nicht machen. Die Zukunft war dunkel. Dennoch wurden Baupläne erörtert. Neue Genossen wurden geworben. Je mehr Leute da sein würden, um so kräftiger würde die Genossenschaft sein in ihrer Kredit- und Zahlungsfähigkeit. Als ich mich prüfend im Saal umsah, dachte ich, du bist ja wohl der Benjamin in dieser Gemeinschaft. Und wenn es sein darf, bist du einer der Letzten, die diese Siedlung aufbauen werden. Formulare mußten ausgefüllt und ein Unbescholtenheitszeugnis vom Rathaus besorgt werden. „Kommen Sie Sonntag Vormittag nach Kroog und melden Sie sich bei den Vorstandsmitgliedern. Dort sind die Pläne. Man wird mit Ihnen über das Gelände gehen und die freien Stücke zeigen." „Denn könnt Se sik wat utsöken!" Ich machte mich gleich am nächsten Sonntag auf. Julius Hansen, ein Angeliter, nahm einen Plan und ging mit mir ins Nordgelände auf den Berg, auf dem heute die Kirche steht. Da wären noch ein paar Stücke frei. „En beten Ahnung har ick vun Gornland, aber denn Lehmbarg? Hebt Se nich noch wat anners?" „Jo, dor achter ant Holt, dor is noch wat frie." Ich horchte auf. „Holt?!" Wald? Am Wald ein Stück Land? „För mi?" „Dor möt wi hen!" Es war nicht allzuweit. „Dat hier is mien Stück", sä Hansen. Awers hier nebenan, dor steiht Roggenkamp op." Ein Jahr hatte er seine Parzelle ohne Bearbeitung liegen lassen. Es waren 2600 qm. Ich bin für das Große in allem. Hier hatte ein Funke meine helle Begeisterung entzündet. „Roggenkamp hett keen grote Lust dorto. Dat is ein wohl to puckelig; hier denn groten Knust un dor ünnen dat bannige Lock. Wenn er es nicht behalten will, können Sie es bekommen!" Wir gingen zum Vorstandsmitglied Lauenstein. Roggenkamp bekam Bescheid, er möchte sich entscheiden, ob er es noch haben wolle. Die ablehnende Antwort kam bald. Ich wurde für dieses Stück vorgesehen. Ich war glücklich wie ein Kind, dem ein heißer Wunsch erfüllt wurde. Aber nun mußte ich das meiner Braut „verklorn". Sie war auf dem Lande groß geworden, wohnte aber schon lange in der Stadt. Jetzt kam ich mit meinem Anliegen. Sie hat nicht viel gesagt, aber gedacht hat sie: was hat er sich da bloß ausgeheckt! Als sie das erste Mal nach Kroog kam, hatte ich schon eine Gartenbude aufgestellt. Das ging fix. Ich hatte es ja sehr eilig. Auf der Werft, wo ich arbeitete, kannte ich einen Zimmermann. Er besaß in Ellerbek eine schöne, zerlegbare Gartenlaube. Ich konnte sie verhältnismäßig billig kaufen. Und dann waren da ein paar von der Marine, die bis zu ihrem Wachdienst frei waren, die halfen mir. Aber der Sandweg! Klock twölf müß de Mariners trüch. Alle Kraft ran, un doch blev wi steeken. Da kommt ein Spaziergänger. Mit vereinten Kräften denn Barg rop. De Mariners forts mit denn Wog trüch. Zwei Nachbarn halfen die Holzplatten an den Waldrand tragen. Und dann erstmal den Balkenrahmen für den Fußboden inne Wog bröcht, damit das andere lotrecht aufgestellt werden könne. Als am Nachmittag meine Braut kam, rauchte schon der Schornstein, und sie konnte Kaffee kochen. Das war spaßig. Nun erklärte ich meiner Braut, wie alles werden sollte. Ich hatte es mir schön ausgedacht, aber zu leicht vorgestellt. Denn da war das große Loch und der dicke Berg. So konnte das kein richtiger Garten werden, das konnte ich wohl einsehen: das mußt du planieren! Wenn man jung ist, dann unternimmt man etwas. Einmal hätte ich fast verzagt. Es mußte im Krieg lange gearbeitet werden, viel freie Zeit gab es nicht. Ich wohnte in der Klotzstraße. Meine Logismutter kochte einen großen Pott Essen. Wie ich das möglich gemacht habe, weiß ich nicht. Ein paar Kollegen aus Schlesien, die am Sonntag nichts anzufangen wußten, bekamen bei mir Essen und Trinken. Morgens um 4 Uhr ging es los. Ich traf meine Kollegen in Gaarden und dann zottelten wir durch Elmschenhagen. Eine nagelneue Schiebkarre hatte ich mir gekauft. Als das Land planiert war, fiel sie auseinander. Der ganze Berg kam in die Kuhle hinein. Immer sonntags. Und wenn wir den ganzen Tag mit drei Mann Erde gekarrt hatten, war noch nichts zu sehen. Erde zu bewegen, ist schwer. Der Lehm war hart, wenn wochenlang der Regen ausblieb. Ähnlich ging es bei den anderen auch. Wieder viele andere konnten sogleich ihr Gartengrundstück beackern, weil das Gelände ebenmäßig war. Ich hatte es schwer. Vom Frühjahr bis in den Herbst habe ich planiert. Und nachmittags kam die Braut. Dann haben wir noch im Abendfrieden gegessen, am Waldesrand. Schließlich sind wir nach Hause gezockelt. Todmüde sank ich auf die Schlafstatt. Im Oktober 1918 haben wir geheiratet. Ein Anfang mit Kümmernissen. Unsere erste Wohnung war in der Annenstraße: Sperlingslust. Eine kleine Küche ohne Herd. Die Gasanlage habe ich als Klempner zurechtgefummelt. Der Ofen in der Stube qualmte. Kohlen gab es nicht viel. Die Schlafstube ganz klein und schräge. „De Katt so lütt - hett Platz fört Glück!" Das Frühjahr kam und die erste Saat in Kroog. Sie wuchs! So hett dat anfungen!
Aus den Gründerjahren
Die Angorakaninchen- und Seidenraupenzucht.
Von Robert Möller
Schon zu Beginn, in den Gründerjahren, haben unsere Siedler versucht
sich mit Ackerbau und Viehzucht einen Nebenerwerb zu schaffen.
Unter anderem wurden auch Angorakaninchen und Seidenraupen gezüchtet.
Zur Fütterung der Seidenraupen wurden Maulbeerhecken gepflanzt.
Wir finden diese Hecken heute noch (im Jahre 2011) im Hohlweg,
dem Verbindungsweg zwischen der Partenkirchener Strasse und
dem Rönner Weg sowie am Konsumberg, dem Verbindungsweg
vom Zeppelinring zur Berchtesgadener Strasse.
Nun kamen die Züchter auf den Gedanken die Wolle ihrer Angorakaninchen
mit den Seidenraupenfasern zu verspinnen.
Gesagt, getan.
Eine Spinnmaschine mußte her.
Der Tischler und Angorakaninchen-Züchter, Ernst Kasch, belastete
am 6. September 1933 sein Haus im Zeppelinring 66
mit einer Grundschuld in Höhe von 1500 Goldmark, damit
die Spinnmaschine für die Gemeinschaft gekauft werden konnte.
Frau Hase aus dem Zeppelinring 127 erzählte mir, sie habe für die Gewinnung
der Seidenfasern, für die Raupen, Massen von Papierstreifen
ziehharmonikaartig falten müssen.
Viele Experimente wurden durchgeführt und vieles ausprobiert,
aber der erhoffte Erfolg blieb aus.
So wurde beschlossen, die Maschine an einen Kaufinteressenten
nach Australien zu verkaufen.
Die Hypothek wurde abgelöst.
Die Spinnmaschine jedoch fiel bei der Schiffsverladung am Kieler Hafen
dem Kran vom Haken und ward zu Schrott.